Perspektiven: Daniel Dreier aus Bern

Von  | Perspektiven | 9. November 2020

Perspektiven: Daniel Dreier aus Bern

Perspektiven, Beitragsbild von Daniel Dreier

49 Jahre Selbständigkeit, eine rasante Entwicklung des Berufs, hervorragende Gestaltung und ein sehr spannender Mensch.

Deine Geschichte:

Ich habe den Vorkurs, die Lehre und den Abschluss als Grafiker EFZ in Bern gemacht und anschliessend ein Volontariat bei Kurt Wirth. Danach wollte ich meinen Horizont erweitern und habe eine Stelle in Paris gesucht – und diese auch gefunden. Die Menschen, die im Studio Gérard arbeiteten, waren sehr kompetent und von unterschiedlichster Herkunft – es war intensiv, aber ich habe viel gelernt. Mir wurde aber auch bewusst, dass ich mich am besten als Selbständiger entfalten konnte. Also bin ich nach einem Jahr wieder nach Bern zurückgekehrt. Von Januar 1971 an war ich selbständig und letzten Januar habe ich mein Atelier aufgelöst. 49 Jahre an der Gerberngasse in Bern.

Heute:

Ist Grafik die Ausnahme; ich widme mich hauptsächlich der Malerei. Mich interessiert der Reliefbereich und ich arbeite gerne mit Papieren, bevorzugt mit handgeschöpften. Die dritte Dimension der Reliefarbeiten ist eine schöne Erweiterung des zweidimensionalen Fokus in der Grafik. Und Teil meines neuen Lebensabschnitts.

Was war dir bei deiner Arbeit wichtig?

Der persönliche Kontakt und die Beziehung zu meinen Kunden – viele dieser Geschäftsverbindungen wurden mit der Zeit zu Freundschaften. Rein von der Arbeit her war mir eine fundierte, sehr offene Recherche und eine gute Dokumentation der Themen wichtig. Manchmal stellte sich heraus, dass das ursprüngliche Anliegen der Kundschaft gar nicht das richtige war. Und ich habe auch immer kritisch hinterfragt, ob ich wirklich der Grafiker für diese Aufgabe war.

Was hast du an deiner Arbeit geschätzt und was hat dir weniger gefallen?

Ich hatte grosses Glück mit meiner Karriere als Grafiker und habe für viele Kunden schöne Aufträge umsetzen dürfen. Ich musste auch nie etwas machen, wovon ich nicht überzeugt war und konnte mir die Freiheit nehmen, nein zu sagen. Sehr geschätzt habe ich das Zusammenarbeiten mit dem Berner Grafiker Urs Grünig. Grössere Aufträge, wie zum Beispiel das Erscheinungsbild der Berner Kantonalbank, haben wir zusammen umgesetzt. Urs ist ein ungemein kompetenter Grafiker, ein grandioser Formalästhet und sehr selbstkritisch gegenüber der Arbeit. Und sehr korrekt. Auch wenn wir unter Druck arbeiten mussten.
Weniger gefallen? Da gibt’s nur ein einziges Beispiel, als sich jemand einmal über unsere Fachmeinung hinwegsetzen wollte.

Wie brachtest du Familie und Beruf unter einen Hut?

Bei mir im Atelier lief es sehr gut und so hat sich meine ehemalige Partnerin hauptsächlich – und sehr gut – um unsere beiden Töchter gekümmert. Ich war aber immer da, wenn es darauf ankam und habe oft an den Wochenenden etwas mit meinen Kindern unternommen. Auch wenn es unsere Familie in dieser Form nicht mehr gibt, wir haben eine sehr gute Beziehung untereinander. Doch der Entscheid für die klassische Rollenteilung damals haben wir nicht so bewusst gefällt, wir sind eher reingerutscht. Die heutigen Ansätze mit dem Aufteilen der Betreuung finde ich gut.

Welchen Stellenwert hat für dich deine Ausbildung – was konntest du mitnehmen? Was hast du vermisst?

Seit damals hat sich der Beruf sehr verändert. Stark geprägt hat mich der Vorkurs, mein Fachlehrer Dölf Flückiger und Hans Schwarzenbach, bei dem ich Freikurse im Gegenstandszeichnen besucht habe. Und für Erich Hänzi, meinen Lehrmeister, war ich keine billige Arbeitskraft. Er hat sich sehr viel Zeit für mich und meine Ausbildung genommen; in den ersten zwei Lehrjahren machte ich viele Übungen, wie zum Beispiel eine römische Antiqua von Hand zu zeichnen, und konnte mein grundformales Gespür schulen. Wie man gute Grundlagenarbeit macht und Dinge aufbaut, davon habe ich sehr profitiert.

In der damaligen Ausbildung wurden noch keine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse vermittelt, diese habe ich mir dann – eher mühsam – im Nachgang angeeignet.

Wie beurteilst du die aktuelle Ausbildung zum Grafiker EFZ, zur Grafikerin EFZ?

Darin bin ich nicht mehr involviert und halt eher schon weit weg. Aber bis vor zwei Jahren sass ich noch im Schulrat der Schule für Gestaltung Bern und Biel. Beim Betrachten der damaligen Abschlussarbeiten fand ich schon, dass sich die Grafiker/innen EFZ sehr wohl mit den Arbeiten der Studierenden der Visuellen Kommunikation messen konnte. Das Studium der Visuellen Kommunikation hat aber auch einen anderen, eher akademischen Fokus.

Wo steht unser Beruf in fünf Jahren?

Das ist für mich schwierig zu beurteilen. Ich habe gesehen und erlebt, wie sich unser Beruf gewandelt hat und diese Entwicklung ist rasant. Die Digitalisierung wird sicher fortschreiten – aber ich denke, in einem bestimmten Segment wird qualitativ hochstehende Gestaltung weiterhin einen hohen Stellenwert haben.

Manuel: Lieber Daniel, vielen herzlichen Dank für deine Zeit und dieses spannende Gespräch. Merci!

Showcase

Zum Autor: Manuel Castellote ist Grafiker, Texter/Konzepter und Illustrator. Selbstständig seit 2012 und seit 2019 im Vorstand des SGD. Er lebt und arbeitet in Bern.

Perspektiven ist eine Blog-Serie des SGD. Interviewt werden unterschiedlichste Firmen und Personen, die mit Grafikdesign zu tun haben oder hatten. Perspektiven erscheint unregelmässig, wir freuen uns über Lob und Kritik und: Die Meinungen und Aussagen der Interviewten widerspiegeln nicht zwingend die Haltung und Werte des SGD.

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