Perspektiven: Lars Klingenberg, Gestalterei

Von  | Perspektiven | 24. November 2021

Perspektiven: Lars Klingenberg, Gestalterei

Perspektiven: Lars Klingenberg von der Gestalterei in Zürich

Sturm und Drang sowie Engagement in der Ausbildung: Lars Klingenberg im Gespräch mit dem SGD.

Deine Geschichte in wenigen Sätzen:

Zum Grafiker bin ich ursprünglich durch meine Passion fürs Comic-Zeichnen gekommen. In der Regelschule hatte das Zeichnen keinen hohen Stellenwert. Dies änderte sich mit dem Wechsel an die Rudolf-Steiner-Schule. Im 10. Schuljahr bekam ich dort den Tipp, die Aufnahmeprüfung für den gestalterischen Vorkurs zu versuchen – ich wurde aufgenommen. Nach dem Vorkurs habe ich mich für die Fachklasse beworben. Schauspiel hätte mich auch interessiert, aber beim Informationsanlass liessen sie einen jungen Schauspielschüler nackt über die Bühne rennen; vor über hundert Zuschauenden. Ich war froh, dass ich in die Fachklasse aufgenommen wurde. An der Kunstgewerbeschule Zürich lernte ich Bruno Schneider kennen, mein späterer Geschäftspartner. Er machte ein Jahr vor mir den Abschluss und holte mich nach der Fachklasse in die gleiche Werbeagentur. Dort arbeiteten wir vier bzw. fünf Jahre als Art Director. In dieser Zeit entschieden wir uns, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. So gründeten wir 1990 die Gestalterei. Gleichzeitig begann die Digitalisierung in der Grafik und wir mussten enorm viel investieren und uns in diesem Feld weiterentwickeln.

Heute:

Wir wollten mit der Gestalterei nie gross werden. Das Eigene entwerfen und gestalten ist unsere Leidenschaft und das macht uns aus. Wir haben uns auch nie auf etwas Spezialisiert, sondern machen vom Periodika über Webseiten, Verpackungsdesign bis hin zum klassischen Plakat alles. Auch im Bereich Branding, Corporate Design haben wir grosse Erfahrung und Stand- und Messekonzeption gehören ebenso in unser breites Tätigkeitsfeld.

Was ist Dir bei deiner Arbeit wichtig?

Wir haben keinen fixen Gestaltungsstil entwickelt, weil wir uns nicht selbst realisieren wollen. Unser Ziel ist es, viele kreative Ideen und Vorschläge in verschiedenen Stilen zu gestalten, denn unsere Arbeit soll in erster Linie unseren Kundinnen und Kunden und ihren Bedürfnissen dienen. Grafik ist für uns kein Selbstzweck.

Wichtig ist uns auch das Thema Ausbildung – seit der Gründung der Gestalterei setzen wir uns dafür ein. Ich bin Mitglied in beiden Berufsverbänden, SGD und SGV, Prüfungsexperte für Grafiker/in EFZ, Mitglied in der Kommission für überbetriebliche Kurse (üK) und Mentor im üK3. Wir bilden regelmässig Lernende aus und bieten Schülerinnen und Schülern aus privaten Schulen mehrmonatige Praktika an.

Was schätzt Du an deiner Arbeit und was gefällt dir weniger?

Das Auseinandersetzen mit neuen Kunden, Branchen, Trends und Entwicklungen ist spannend und hält uns jung. Das ist toll. Weniger toll ist, dass die allgemeine Wertschätzung für unsere Arbeit etwas verloren gegangen ist. Kundinnen und Kunden sind immer weniger in der Lage einzuschätzen, welchen Aufwand sie bei der Vergabe von Aufträgen generieren. Und mir scheint, viele denken, dass sich alles mit einem simplen Knopfdruck bewerkstelligen liesse.

Wie bringst Du Freizeit und Beruf unter einen Hut?

Grafikdesign ist ein Beruf, der einen alles abverlangt – man nimmt die Arbeit mit nach Hause, sie ist omnipräsent und das gehört dazu. Ich kenne es nicht anders.

Welchen Stellenwert hat für dich die Ausbildung – was konntest Du mitnehmen? Was hast Du vermisst?

Unsere Ausbildung ist länger her, das waren die 80er Jahre, geprägt von grosser Aufbruchstimmung und Sturm und Drang. Wir haben wochenlang an Gestaltungskonzepten gearbeitet und nach neuen Bildwelten gesucht. Die Aufgaben waren selten konkret, sondern sehr theoretisch und weit gefasst. Punkkonzerte, das autonome Jugendzentrum, die Anarchie waren allgegenwärtig und bestimmten auch den Studienalltag. Es gab keine Kunst-, Illustration- oder Comic-Lehrgänge, alle waren in der Fachklasse für Grafik vereint. Das war eine sehr bunte Mischung aus Interessen und Ansichten. Am wichtigsten war die Diplomarbeit im letzten Jahr, alles hat sich auf diese konzentriert. Bei der Lehrabschlussprüfung (heute QV) musste ich meine allererste Reinzeichnung erstellen.

Wie beurteilst du die aktuelle Ausbildung zum Grafiker/Grafikerin EFZ?

Seit über 20 Jahren bin ich Prüfungsexperte und in der Arbeitsgruppe für das Erstellen der QV-Aufgaben. Zuerst für den Kanton Zürich – und seit sechs Jahren mit einem tollen Team für die ganze Schweiz. Sprich: Ich bin involviert in die Ausbildung und denke, dass sie sich ständig verbessert und weiterentwickelt hat. Das ist gut. Aber wir müssen mit unserem Berufsbild am Ball bleiben und unsere Kernkompetenz, die Ideenfindung, nicht aus der Hand geben.

Wo steht unser Beruf in fünf Jahren?

Ganz ehrlich: Ich weiss nicht, wo es unseren Beruf in zehn Jahren hinführen wird. Einerseits werden in anderen, teils neuen Berufen bereits ähnliche Kompetenzen vermittelt wie beim Grafikdesign. Doch die inter-, sogar transdisziplinäre Arbeit in der visuellen Kommunikation macht den Beruf so einzigartig.

Und zum Schluss noch dies:

Das Coole am Grafikdesign ist, in ganz verschiedene Berufe und Unternehmen Einblick zu haben und bislang unbekannte Branchen kennenzulernen. Keine Aufgabe ist dadurch gleich, bei jedem Projekt gibt es neue Herausforderungen. Das macht es aus.

Showcase:

Das Helvetica-Plakat ist ein Wettbewerbsbeitrag, er wurde nicht gedruckt.

Zum Autor: Manuel Castellote ist Grafiker, Texter/Konzepter und Illustrator. Selbstständig seit 2012 und seit 2019 im Vorstand des SGD. Er lebt und arbeitet in Bern.

Perspektiven ist eine Blog-Serie des SGD. Interviewt werden unterschiedlichste Firmen und Personen, die mit Grafikdesign zu tun haben oder hatten. Perspektiven erscheint unregelmässig, wir freuen uns über Lob und Kritik und: Die Meinungen und Aussagen der Interviewten widerspiegeln nicht zwingend die Haltung und Werte des SGD.

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