Perspektiven: Das Kornhaus Atelier in Bern.

Von  | Perspektiven | 15. November 2019 | 0 Kommentare Dezember 6th, 2019

Perspektiven: Das Kornhaus Atelier in Bern.

An einem grauen Herbsttag zu Mittag bei Reis und Nudeln über Wertschätzung, wertige Grafik, Freiheit, wunderbar tolerante Partner und die grafische Ausbildung. Ein kritischer Blick zurück und einer in die Zukunft: Céline Beyeler und Stephan Nopper im Gespräch mit dem SGD über Themen, die Grafikschaffende bewegen.

Deine/eure Geschichte in drei Sätzen:

Céline (C): Ich studierte in Zürich an der zhdk visuelle Kommunikation und bin seither selbstständig, manchmal in Kombination mit Anstellungen – unter anderem bei Urs Grünig in Bern. Seit 2015 unterrichte ich auch die lernenden Grafiker und Grafikerinnen EFZ an der Schule für Gestaltung Bern und Biel.

Stephan (S): Ich machte eine Lehre als Grafiker EFZ in Biel und stieg danach direkt in den Beruf ein: Diverse Festanstellungen, auch in Hamburg, und Arbeit als Freelancer. Selbstständig bin ich seit 2011.

Heute:

Sind wir hier. Gegründet haben wir das Kornhaus Atelier 2017. Über den Dächern der Berner Altstadt legen wir unseren Fokus auf klare Auftritte, Authentizität in grafischen Lösungen, wertige Publikationen und ganzheitliche, visuelle Kommunikationskonzepte.

Was ist euch bei eurer Arbeit wichtig?

S: Unsere Grafik soll nicht beliebig sein, sie soll bewegen und berühren. Und wir glauben, dass Grafikdesign einen bedeutenden Beitrag an die heutige Kultur leistet und leisten kann.

Was schätzt ihr an eurer Arbeit und was gefällt euch weniger?

C&S: Wir schätzen die Freiheit: Wie wir an Projekte herangehen, zu gestalten – meistens wie es für uns stimmt – und wir können unseren Alltag einteilen und sind frei darin, wann wir was erledigen. Das ist toll. Weniger schätzen wir den aktuellen Stellenwert unseres Berufs. Grafik hat in der heutigen Gesellschaft einen schwierigen Stand: Visualität wird banalisiert und sie ist entwertet worden. Vielleicht durch das Überangebot, vielleicht durch die permanente Verfügbarkeit im Web und den neuen Medien. Aber das spüren wir in unserem Alltag und das finden wir nicht so toll. Doch das betrifft nicht nur unser Beruf, es ist eine Zeiterscheinung.

Wie bringt ihr Familie und Beruf unter einen Hut?

C: Gar nicht. Aber ich habe einen wunderbaren und toleranten Partner und wir können uns aufteilen und ergänzen uns gut. So geht es. Irgendwie.

S: Bei mir ist es ein anderes Modell. Ich lebe getrennt und habe so eine klare Aufteilung und Abgrenzung von Kindern und Beruf – so kann ich planen und mich danach einrichten.

Welchen Stellenwert hat für euch eure Ausbildung – was konntet ihr mitnehmen? Was habt ihr vermisst?

C: Meine Ausbildung hat bei mir einen hohen Stellenwert. Im Studium waren wir sehr frei, wir hatten eine grosse Selbstverantwortung und einen starken Fokus auf Idee- und Konzept-Arbeit. Das habe ich geschätzt. Zu kurz kam für mich definitiv die Praxis. Druckmaschinen und so … das habe ich mir nachträglich angeeignet.

S: Die Lehre bei C2, Beat Cattaruzza GmbH, war eine gute Zeit und sie geniesst bei mir einen hohen Stellenwert. Durch die Ausbildung in einem Betrieb hatte ich einen starken Bezug zu einem beruflichen Alltag und war nah an der Praxis. Vermisst habe ich die Zeit und das Know-How für grafische Entwicklungen. Man war immer eingespannt und am Produzieren. Aber ich habe die Lehre 2007 abgeschlossen, vielleicht ist das heute anders.

Wie beurteilt ihr die aktuelle Ausbildung zum Grafiker EFZ, zur Grafikerin EFZ?

S: Ich bilde nicht aus und habe keine Angestellten oder Praktikanten. Von dem her bin ich zu weit weg vom Thema und enthalte mich. Céline kann sicher mehr darüber erzählen!

C: Offen gestanden habe ich etwas Angst um die Lehrabgehenden: Schlechter Verdienst, wenig Stellen und viel Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Und die Lehre ist für mich wie ein altes Modell in einer neuen Welt. Vier Jahre in einem Betrieb scheint mir viel Zeit an einem Ort, Ausbildungsverbünde mit mehreren Betrieben wären toll. Auch für uns vom Kornhaus Atelier. Aber ich glaube, dass die Lehre eine gute Sache ist und es wäre schade, wenn sie verschwindet und die Gestaltung akademisiert würde. Auch weil es viele gute Gestalterinnen und Gestalter gibt, die keine Matura haben und auf einem anderen Weg in den Beruf gelangen. Diese Tür offen zu halten ist wichtig.

Wo steht unser Beruf in fünf Jahren?

C&S: Wir denken es wird in Zukunft eine klarere Trennung zwischen Praxis/Ausführung und Konzept/Beratung geben. Das Handwerk der Produkte ist durch Adobes Lizenzpolitik und die Verfügbarkeit übers Web für alle frei zugänglich und verliert an Stellenwert in unserem Markt. Umfassende und gut funktionierende Konzepte hingegen sind nicht so einfach, dass man sie nicht ohne viel Fachwissen und Praxis erstellen kann. Aber wir fragen uns wo in diesem Szenario der gute Gestalter und die gute Gestalterin bleibt? Ist das dann der Polygraf, der Mediamatiker oder eine Art Mediendesigner? Wir wissen es nicht und sind gespannt.

Manuel: Danke Céline und Stephan für eure Zeit, eure Inputs und das spannende Gespräch. Und: Natürlich auch für das feine Essen!

Showcase

Zum Autor: Manuel Castellote ist Grafiker, Texter/Konzepter und Illustrator. Selbstständig seit 2012 und seit 2019 im Vorstand des SGD. Er lebt und arbeitet in Bern.

Perspektiven ist eine Blog-Serie des SGD. Interviewt werden unterschiedlichste Firmen und Personen, die mit Grafikdesign zu tun haben oder hatten. Perspektiven erscheint unregelmässig, wir freuen uns über Lob und Kritik und: Die Meinungen und Aussagen der Interviewten widerspiegeln nicht zwingend die Haltung und Werte des SGD.

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